Geschichte der Bodelschwingh-Schule Murrhardt

"Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft, zu leben."

                                                                                                                                                                                        Hermann Hesse im Gedicht "Stufen"

Durch viele Familien ging ein Aufatmen, als es hieß, dass der Landkreis Backnang sich entschlossen hatte, in Murrhardt eine Ganztagesschule für "bildungsschwache Kinder und Jugendliche" zu schaffen, mitten drin in seinem weitläufigen Zuständigkeitsbereich zwischen Kleinaspach und Gaildorf, zwischen Großerlach und Allmersbach im Tal. Es war der 24. April 1969: Der Kreistag genehmigte einen Bau mit ca. 800 qm überbauter Fläche, der eine 4-klassige Sonderschule mit etwa 50 Kindern aufnehmen sollte. Die Eltern mit Kindern, die von vorn herein oder bei der Schuluntersuchung als "bildungsunfähig" deklariert worden waren, mussten sich seither selbst um Fördermöglichkeiten kümmern. Da gab es im Landkreis die diakonische Anstalt Stetten und die anthroposophisch ausgerichtete Laufenmühle bei Welzheim, beides nicht staatlich geführte Einrichtungen. Wem konnte man die Förderung von geistig behinderten Kindern überhaupt anvertrauen?

In einer Selbsthilfeorganisation hatten sich Eltern mit geistig behinderten Kindern zusammengeschlossen und hatten 1968 die Kreisvereinigung "Lebenshilfe für geistig Behinderte e.V., Backnang" gegründet. Mit Kreisrat und Ministerialdirektor Wilhelm Traub als Gründungsvorsitzendem hatte dieser Verein einen gesellschaftspolitisch sehr versierten Verfechter "des Rechtes auf Bildung für jedes Kind" gewonnen. Schließlich hatte ja 1964 das Gesetz zur Vereinheitlichung und Ordnung des Schulwesens in Baden – Württemberg die Schulpflicht auch für geistig behinderte Kinder und Jugendliche eingeführt und damit die Errichtung von "Sonderschulen für Bildungsschwache" gefordert. 1968 war der "Bildungsplan der Sonderschule für bildungsschwache Kinder und Jugendliche" vom Kultusministerium Baden - Württemberg veröffentlicht worden. Der Staat hatte zu seiner hoheitlichen Verantwortung für die Bildung auch dieser Kinder gefunden.

Der Landkreis Backnang hatte sich für die Übernahme der Schulträgerschaft der neuen Sonderschule entschlossen, anders als z.B. der benachbarte Kreis Schwäbisch Hall, der diese Aufgabe dem neu gegründeten "Sonnenhof" der Diakonie übertrug. Doch der Baubeginn in Murrhardt verschob sich von September 1970 auf Februar 1971.

Eine Sonderschullehrerin an der Sonderschule für Lernbehinderte (Pestalozzischule) in Backnang, Frau Ingrid Lüdecke, bekam vom Schulamt den Auftrag, die vorgesehene Schule zu leiten. In den Sommerferien 1971 fuhr sie in die verstreut gelegenen Ortschaften und suchte anhand einer Liste des Gesundheitsamtes Familien auf, deren Kinder wegen ihrer Behinderung bisher keine Schule besuchten. 40 Kinder waren zunächst gemeldet. So manche Vertrauensarbeit musste geleistet werden. Einige Eltern fürchteten, dass ihr Kind nicht zum Zug kommen kann, war es doch schon in einer der privaten Einrichtungen untergekommen. Aber sie wollten die Ganztagesschule der Heimunterbringung vorziehen. Manche Eltern wurden sehr enttäuscht in ihrer neuen Hoffnung: Ihr schwer mehrfach behindertes Kind konnte doch nicht aufgenommen werden, da die Pflegebedingungen nicht gewährleistet werden konnten. Solche Kinder blieben damals wegen "Schulunfähigkeit" weiterhin zu Hause, eine harte Entscheidung.

Die Bauarbeiten waren verschoben worden, dann auch noch in Verzug geraten: Das feuchte Baugelände nahe der Murr brachte unvorhergesehene Schwierigkeiten. Es gab ja auch sonst noch genug vorzubereiten. Das Deutsche Rote Kreuz Backnang hatte den Auftrag für den Schülertransport erhalten. 5 Kleinbusse waren neu beschafft worden. Ganztagesschule heißt auch Mittagessen zu organisieren: Die Verpflegung übernahm eine Gemeinschafts-küche, die auch die Kantinen der Kreisverwaltung mit Essen versorgte.

Endlich, am 11. Oktober 1971, wurde mit dem Unterricht in der Kreissonderschule Murrhardt begonnen. Es waren 41 Schüler im Alter von 6 bis 14 Jahren, 5 Klassen, 3 Erzieherinnen, eine Heilpädagogin und eine Sozialpädagogin als Klassenlehrerinnen, eine betreuende Kraft zur Unterstützung bei den vielfältigen Aufgaben, zuständig auch für die Küche und die Mittagsruhe der Kinder, eine Schreibkraft und die Schulleiterin, die einzige Person mit der Ausbildung und Erfahrung als Sonderschullehrerin. Zwei Monate später bei der Einweihungsfeier waren es schon 46 Kinder. Die Zeitung schrieb: "Die Eltern haben ihre anfängliche Scheu überwunden und erkennen voll Dankbarkeit, welche segensreiche Einrichtung zum Wohle ihrer Kinder geschaffen wurde."

Zur offiziellen Schuleinweihung am 08.12.1971 war der gesamte Kreisrat zwecks des Sitzungstermins nach Murrhardt und in die Bodelschwingh –Schule eingeladen worden. Das war ein unvergessliches Zeichen der Solidarität mit den Schülern, mit den Familien und der neu beginnenden Schule. Herr Schulamtsdirektor Heinkelein bedankte sich an der Einweihungsfeier ausdrücklich bei den Kreisräten und Herrn Landrat Schippert für die neue Sonderschule und die Übernahme der Schulträgerschaft. Er schloss mit dem Satz: "Möge in dieser Schule im Sinne Pastor Bodelschwinghs – dessen Namen diese Schule trägt – diesen vom Schicksal schwer getroffenen Kindern durch eine segensreiche pädagogische Arbeit eine echte Lebenshilfe zuteil werden".

Dass mit der Schulgründung nur ein Anfang gemacht worden war, verdeutlichte der Vorsitzende der "Lebenshilfe", Wilhelm Traub, in seinem Redebeitrag bei der Schuleinweihung. Die Einrichtung der Werkstufe für Schüler ab 16 Jahren, die Ergänzung durch einen Sonderschulkindergarten für Kinder ab 3 Jahren und die rechtzeitige Schaffung einer Werkstätte für Menschen mit geistiger Behinderung nannte er als nächste Schritte.

Das pädagogische Ziel, die Schüler aus der Isolation heraus in die Gemeinschaft mit anderen zu führen, verband Frau Ingrid Lüdecke mit ihrem persönlichen Stil und fasste es in den Begriff "Begegnung". Von Anfang an vermittelte sie eine Vielfalt an Begegnungen in der Bodelschwingh – Schule: andere Schulklassen und Lehrkräfte, Fachleute, Vertreter von Vereinen und Verbänden, den Frauenkreis Murrhardt, Mitarbeiter und Gruppen der katholischen und der evangelischen Kirche, Musiker und Künstler, Gaukler und Theatergruppen. Die Schule war in Murrhardt und im Landkreis stets präsent, viele Schulfeste bis hin zu Aktionswochen mit oft musisch – künstlerischem Charakter boten Anlässe zur Begegnung.

Am 3. November 1976 wurde der Sonderschulkindergarten eröffnet: 2 Gruppen mit 10 Kindern konnten im ehemaligen Schulhaus in Sulzbach/Murr Platz finden. Leiterin war die Sozialpädagogin Monika Jacob. Außerdem zogen 3 Klassen der Unterstufe der Bodelschwingh – Schule mit ein, so dass in Murrhardt die Werkstufe eingerichtet werden konnte. Bisher mussten die Schüler, die mit 15/16 Jahren das Werkstufenalter erreicht hatten, nach Fellbach - Öffingen in die Schule fahren.

Eine Schulerweiterung wurde im Februar 1977 ins Auge gefasst. Im September 1978 wurde dann mit den Bauarbeiten für den Erweiterungsbau begonnen. Zu der Zeit waren es 77 Schüler und 18 Kindergartenkinder. Die Arbeit der Frühförderung war 1977 offiziell vom Kultusministerium als Aufgabe der Sonderschulen deklariert worden. So war auch hierfür weiterer Raumbedarf entstanden. Nachdem im Oktober 1980 der Erweiterungsbau von Landrat Horst Lässing eingeweiht worden war, konnten die Frühberatungsstelle, der Schulkindergarten mit 3 Gruppen und die Schule einschließlich der Werkstufe Platz finden in passenden, freundlichen Räumen.

Mehr und mehr kamen nun Schüler mit zusätzlicher Körperbehinderung in die Bodelschwingh – Schule. Zunächst waren es Schüler im Werkstufenalter, die bisher in Markgröningen die Schule für Körperbehinderte besucht hatten. Die Eltern wünschten eine wohnortnahe Beschulung. So kam es 1990 zur offiziellen Erweiterung des Bildungsauftrages der Bodelschwingh – Schule. Schüler mit zusätzlicher Körperhinderung oder schwerer Mehrfachbehinderung gehörten somit zur Schülerschaft in allen Alterstufen dazu. Das Recht aller Kinder auf Schule und Bildung war endlich umgesetzt. Seit 1994 ist im Grundgesetz festgelegt, dass niemand wegen seiner Behinderung benachteiligt werden darf. Gesetzlich bedeutet dies die Gleichstellung von Menschen mit und ohne Behinderung.

Das "Normalisierungsprinzip" prägte die pädagogische Diskussion in den 80er – Jahren. In diese Zeit fiel auch die Begründung der Partnerschaften mit Schulen für Geistigbehinderte in England und Frankreich, schließlich mit Weißrussland. "Integration" war ein Thema der 90er – Jahre. Ab dem Schuljahr 1993/94 erprobten 4 Schüler der Unterstufe wöchentlich an einem Vormittag zusammen mit einer Klasse der Grundschule in der Taus Backnang vier Jahre lang gemeinsamen Unterricht. Schließlich konnte im September 2000 eine neue Unterstufenklasse in der Grundschule in Maubach als Außenklasse einziehen. Gemeinsamer Unterricht und gemeinsames Schulleben gelangen hervorragend. Ab demselben Jahr gab es zusammen mit der Förderschule in Sulzbach 2 Jahre lang eine gemeinsame Klasse, in der u.a. gemäß den Ansätzen der Montessoripädagogik unterrichtet wurde.

Die Entwicklungen in der Werkstufe führten im Dezember 2000 zur Einrichtung einer ausgelagerten Klasse in Backnang. "Heraus aus der Schule, hinein in die Normalität" lautete die Überschrift des Zeitungsartikels über diesen neuen Schritt.

Im September 2002 wurde eine weitere Außenklasse in Kleinaspach eingerichtet. Jeweils für die Zeit der 4 Grundschuljahre lernen die Schüler in möglichst vielen Lernbereichen gemeinsam. Die Kontakte werden in Formen der Kooperation weitergeführt.

Im November 1995 hatte Albrecht Samrock, seit Oktober 1977 an der Bodelschwingh – Schule in Murrhardt und seit 1984 Konrektor, die Nachfolge von Frau Lüdecke als Schulleiter angetreten, Frau Margareta Eisenbeiss, seit August 1991 an dieser Schule als Sonderschullehrerin tätig, übernahm im Juli 1996 das Amt der Konrektorin. "Intensivierte pädagogische Zusammenarbeit" des ganzen Kollegiums wurde 1994 zu einem handlungsleitenden Prinzip an dieser Schule vereinbart und die Entwicklung der Schule für Geistigbehinderte in ihrer ganzen Vielfalt vorangebracht.

Ab 2002 wurden Umbaumaßnahmen zur Erleichterung der Pflegesituation schwer behinderter Schüler getroffen. Ein weiterer Anbau, der am 24. Oktober 2007 von Herrn Landrat Johannes Fuchs eingeweiht wurde, verbesserte weitgehend die Arbeitsbedingungen und die Fördermöglichkeiten für die im Herbst 2007 zu zählenden 95 Schüler und 39 Lehrkräfte. (AS)

Seit September 2014 ist Albrecht Samrock und seit September 2015 Margareta Eisenbeiss im Ruhestand.

Nachfolgerin von Albrecht Samrock ist Frau Miriam Kamm.

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